Auf der Suche nach der Dunkelheit 



I

Ymér und Aniflur sind im Garten und spielen. 

 

 Die Mutter öffnet das Fenster und ruft: Es ist ja schon dunkel, kommt rein. 

 Hier ist es noch nicht dunkel, rufen die Kinder, hier ist es noch hell.  

 Die Mutter antwortet: Ja, weil überall schon Licht brennt, aber schaut den Himmel an, der hat sein Nachtkleid an.

Die Kinder schauen hoch zum Himmel, er sieht finster drein. 

Sie gehen ins Haus und spielen weiter bis zum Abendessen.

 

Nach dem Abendessen geht Ymér ans Fenster und schaut hinaus. Der Wald ist jetzt ein dunkler Hügel, fast schwarz. Der Baum mit der Schaukel eine graue Zipfelmütze. Aber auf der anderen Seite des Hauses ist alles noch hell: Die Nachbarhäuser haben Licht, die Strasse ins Dorf ist beleuchtet. Die Autos auf der Strasse haben Licht.

 

 Wird es denn draussen nie richtig dunkel, fragt Ymér? 

 Ja das ist schwierig, im Dorf brennt immer irgendwo Licht und in der Stadt sowieso, sagt die Mutter. 

 Wann ist es richtig dunkel, fragt Aniflur? 

 Wenn man die Hand vor den Augen nicht mehr sieht. Geht probiert es aus, im Bad hat es keine Fenster.



Die Kinder gehen ins Bad und löschen das Licht. Sie halten die Hände vors Gesicht und sehen sie nicht. 

 Wir sehen die Hände nicht mehr, rufen sie, hier ist es richtig dunkel! 

Aber kaum haben sie es gesagt, tauchen Hände und die Finger wieder auf. Wie graue Handschuhe.  

 Und die Finger sind schwarze Pommes frites, sagt Aniflur. 

 Du musst die Finger bewegen, dann tanzen die Pommes frites, sagt Ymér.

Sie sehen, dass unter der Tür Licht eindringt. Sie legen ein Badetuch auf den Boden vor der Tür, und es wird wieder dunkler, aber nicht so dunkel wie nach dem Lichterlöschen. 

 Sie erzählen es der Mutter: Am Anfang ist es richtig dunkel, aber dann wird es wieder heller. 

 Ja, die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Die Pupillen werden grösser.

 Was sind die Pupillen?

 Das ist der schwarze Kreis in euren Augen, der wird in der Dunkelheit grösser. 

 Und dann sieht man mehr?

 Ja, dann genügt wenig Licht, um zu sehen. Aber ein bisschen braucht es schon.

Ymér und Aniflur sehen sich in die Augen. Sie sind aussen weiss und dann braun. Und in der Mitte ist ein schwarzer Kreis.



 

II 

In der Nacht sind alle Katzen schwarz.

 

 Wisst ihr was, sagt die Mutter, vor dem Schlafengehen gehen wir noch in den Wald. Mal sehen, ob es dort richtig dunkel ist. 

• Da habe ich aber Angst, sagt Aniflur.

Warum denn, es sieht dich ja niemand im Dunkeln, sagt Ymér.

 Und die Mutter sagt: Im Badezimmer hast du auch keine Angst gehabt.

• Ja, aber im Wald gibt es Tiere, sagt Aniflur.

 Vor den Tieren musst du keine Angst haben, die Tiere haben Angst vor dir, sagt die Mutter. Aber du musst nicht mitkommen. Du kannst mit Papa zu Hause bleiben.

 

Ymér und die Mutter ziehen sich an für den Wald, denn es ist ja schon Herbst und ein bisschen kalt.

Sie gehen auf einem Feldweg und dann über eine Wiese.

Der Feldweg ist eine dunkelbraune Linie, die Wiese ein dunkelgrüner See.

Am Himmel ist ein dünner Mond. Wie eine Sichel. Auch Sterne sieht man. 

 Du musst lange hochschauen, dann tauchen mehr Sterne auf, sagt die Mutter.  

Sie schauen in den Himmel.

 Hast du auch das Gefühl, dass der Himmel atmet, fragt die Mutter.

• Und er wird immer grösser, sagt Ymér.

 Da hast du recht, sagt die Mutter und ab und zu gähnt er.



Sie gehen weiter in den Wald. Die Büsche links und rechts haben runde Buckel, die Tannenspitzen haben schwarze Zähne. Der Waldweg ist ein tiefer Graben durch den Wald. 

Sie kommen auf einen Pfad. Der Wald wird dichter und dunkler. Bei einer grossen Tanne setzen sie sich hin. Das Licht des Mondes reicht nicht mehr bis auf den Boden. Die Tannen versperren dem Licht den Weg. 

Ymér und die Mutter sind jetzt nur noch dunkle Büsche, schwarze Tännchen. 



• In der Nacht sind alle Katzen schwarz, sagt die Mutter.

• Was meinst du, fragt Ymér?

• Ohne Licht sieht man keine Farben. Alles wird grau und schwarz. Auch wir sind jetzt grau und schwarz.

Sie hören es rascheln in den Bäumen.

 Wie machen es die Tiere? Wie finden sie ihren Weg in der Nacht, fragt Ymér. 

• Sie sehen besser als du und ich, sagt die Mutter, und sie finden ihren Weg auch mit der Nase. 

Sie hören auf das Rascheln. Vielleicht ist es der Wind. Ab und zu fällt etwas zu Boden. Vielleicht ein Tannzapfen. Sie horchen und raten.

•  Das war ein Vogel, sagt Ymér.

• Ich glaube, eine Maus, sagt die Mutter. 

• Vielleicht kommt ein Fuchs vorbei, sagt Ymér.

• Ich glaube nicht, sagt die Mutter, er riecht uns und macht dann einen Bogen.

• Katzen sehen gut, sagt Ymér, Katzen könnten uns sehen. 

• Ja und die Eulen! Die können im Dunkeln zwischen den Ästen und Stämmen fliegen, stell dir vor.



Dann stehen sie auf und gehen nach Hause. Am Waldrand bleiben sie stehen und sehen die Lichter des Dorfes und weiter weg die Lichter der Stadt.