Der Fluss hat schlechte Laune



Ymér und Aniflur sind am Fluss und werfen Steine ins Wasser, es spritzt und platscht.

 

 Hey, ruft der Fluss, was macht ihr da!

• Nur ein bisschen Steine werfen, das spritzt so schön, antworten sie.

 Und ich bekomme blaue Flecken, sagt der Fluss!

 Steine machen dir doch nichts aus, sagen sie.

 Ja, was denkt ihr denn, sagt der Fluss.

 Aber hier sind ja überall Steine, sagen Aniflur und Ymér!

 Ja genau, und die Steine versperren mir den Weg.

 Was meinst du mit Weg, fragt Ymér?

 Der Weg da, wo ich durchfliessen muss, sagt der Fluss. 

 Ist das nicht ein Bett, sagt Ymér. Ein Flussbett?

• Zsss! Flussbett! Ihr seid wohl zwei ganz Schlaue!

 Ach, das haben wir in der Schule gelernt, sagen Aniflur und Ymér.

 Und was ist das bitte schön für ein Bett, sagt der Fluss. Möchtet ihr etwa in diesem Bett schlafen?

 Im Flussbett schlafen? Da würden wir ja ertrinken, sagen Ymér und Aniflur.

 Seht ihr, sagt der Fluss, ein Bett, in dem man nicht schlafen kann, ist doch kein Bett!

 Schläfst du denn nie, fragt Aniflur?

 Nein, ich fliesse immer weiter, Tag und Nacht, ohne Halt, bis ins Meer.



 Aber ausruhen kannst du doch, fragt Ymér?

 Nein, ich muss immer aufpassen, sonst verpasse ich eine Kurve und überschwemme Wiesen und Gärten. Und das gefällt den Menschen nicht, da gehen die Pflanzen kaputt.

 Und worauf musst du sonst noch aufpassen, fragen sie?

 Auf die Wasserfälle: Wenn ich da nicht schön auf meinem dicken Bauch lande, breche ich mir alle Knochen, so ist das! 

 Du hast einen Bauch, fragt Aniflur?

 Ja natürlich, und das, was ihr mit Steinen traktiert, ist mein armer Rücken.

 Wir verstehen, du hast kein leichtes Leben, sagen Ymér und Aniflur.

Immer nur fliessen über Stock und Stein.

 Ja genau, sagt der Fluss, und mir die Knie aufschürfen.

 Ach Knie hast du auch!

 Natürlich, habt ihr noch nie von einem Flussknie gehört?

 

 Und was passiert denn sonst noch so, fragen die Kinder?

 Vor einer Woche, sagt der Fluss, da hat es geregnet und geregnet, und ich musste alles schlucken, bis mir fast der Bauch geplatzt ist.  

 Tut uns leid, sagen die beiden. Wir mögen dich, es gibt nichts Schöneres, als hier zu spielen und zu baden.



 Ja und dabei hält ihr eure dreckigen Füsse ins Wasser und ich darf sie sauber machen!

 Wir haben keine dreckigen Füsse! Ein bisschen sandig sind sie.

 Na ja, badende Kinder sind nicht so schlimm, das stimmt, sagt der Fluss, solange die Kinder nicht ihr Geschäft verrichten oder mich mit Sonnencreme vollschmieren. 

 Das tun wir nicht, sagen Ymér und Aniflur, oder nur aus Versehen. Und unsere Sonnencreme ist waterproof, das heisst nicht wasserlöslich!

 Mit Kindern spielen ist jedenfalls besser als Baumstämme schleppen, sagt der Fluss.

 Baumstämme schleppen, fragt Ymér?

 Ja, die werfen die Stämme ins Wasser, und ich kann sie dann auf meinem Rücken zur Sägerei tragen.

 Sind die schwer, fragt Aniflurr?

 Ja und dann stossen sie immer gegeneinander und quetschen mich ein, sagt der Fluss.

 So braucht man keine Lastwagen, ist das nicht gut, fragt Ymér?

 Und als Dank habe ich Quetschungen und Sägemehl im Gesicht, sagt der Fluss.

 Wie ist das möglich, sagt Aniflur, du hast doch genug Wasser, du kannst doch dein Gesicht waschen.  

 Ja schon, aber das Wasser ist dann voller Sägemehl.



 Du bist heute aber nicht guter Laune, sagen Aniflur und Ymér.

 Ja, ihr habt recht, sagt der Fluss. Man hat mir eben gesagt, dass ich umgeleitet werde. 

 Was heisst umgeleitet, fragt Aniflur?

 Sie machen einen Kanal, da muss ich dann durch, da gibt es keine erdigen Ufer, nur harte Betonwände. Und am Ende wartet eine Turbine auf mich, die ich antreiben soll. 

 So eine Turbine, um Strom zu machen, fragt Ymér?

 Was für ein Unsinn! Strom! Ein Strom ist doch ein grosser Fluss, der grosse Bruder von mir.

 Ja, aber man nennt auch die Elektrizität Strom, elektrischen Strom.

 Tzzzss. Und das lernt ihr in der Schule? Wie man Flüsse ärgern kann, sagt der Fluss!

 Wir wollen dich doch nicht ärgern, sagen Aniflur und Ymér!

 Ja, also die Turbine, Sternefeufi, da stürze ich kopfvoran hinein, und das geht hin und her und im Kreis, und sie lassen mich erst wieder frei, wenn mir schwindlig ist und ich Kopfweh habe.

 Aber damit hilfst du den Menschen!

 Und was ist der Dank? Ich kann gut ohne Turbine leben, aber die Menschen können nicht ohne Wasser leben. 

 Das ist wahr, sagen Ymér und Aniflur.