Töne auf

         der Flucht



Aniflur ist auf der Strasse. Sie kommt an einem Haus vorbei. Ein Fenster ist offen. Drinnen spielt jemand Trompete: pfi pfi pipipfi  bibibi fli fli. 

Aniflur bleibt stehen und hört zu. Dann singt sie mit. 

Nicht schlecht die Stimme dieses Mädchens, denken die Töne der Trompete. Wie wär`s, gehen wir ein Stück mit ihr mit? 

Gedacht getan. Die Töne der Trompete fliegen, einer nach dem andern, zum Fenster raus in den Mund des Mädchens. 

Wow, was ist denn da passiert, denkt das Mädchen, meine Stimme tönt plötzlich wie eine Trompete. Was ist denn jetzt los, denkt der Trompeter, ich kriege keinen Ton mehr aus der Trompete. 


Tante Idi


Aniflur geht weiter und singt jetzt, was der Trompeter vorher gespielt hat: pfi pfi pipipfi  bi ba bibibi fli fli i.

Sie geht durch die Strassen und singt wie eine Trompete, und die Leute schauen sich um und fragen sich, was ist denn mit der los, wie macht sie das, die tönt ja wie eine Trompete, sicher hat sie ein Radio in der Jacke. 

 

Aniflur kommt an einer Baustelle vorbei. Die Arbeiter sind dabei den Strassenbelag aufzureissen. Mit Bagger und Kompressoren. Plötzlich muss Aniflur husten. Und als sie dann weiter singt, rasselt ihre Stimme und quietscht und stampft wie ein Kompressor: kchra kchra ku, chrrra chrri ku quoo. 

 


Tante Idi


Was ist denn jetzt los, sagt der Arbeiter, mein Kompressor ist plötzlich ganz leise. 

Aniflur hört auf zu singen und geht schnell weiter. Am besten ich mach den Mund nicht mehr auf. Aber da kommt ihre Nachbarin vorbei. Guten Tag Frau Büttikofer, sagt Aniflur mit einer rauchigen und quietschenden Stimme. 

Frau Büttikofer schaut Aniflur krumm an. Wie kann ein Mädchen so eine Stimme haben! Du musst aufhören zu rauchen! Ja, natürlich Frau Büttikofer, sagt Aniflur, mach ich, noch heute höre ich auf damit.

Sie geht weiter. 

Vor ihr, an der Kreuzung, gibt es ein Hupkonzert, weil ein Lastwagen die Strasse versperrt: puu ppii puu pupupfii pfii, blaaa. Plötzlich ist es still, man hört keine einzige Hupe mehr, aber der Lastwagen versperrt immer noch die Strasse. Aniflur schliesst den Mund und geht still an den Autos vorbei. Dann dreht sie sich um und singt den Autofahrern ein Hupkonzert vor, dass sie vor Schreck erstarren: puu ppii puu pupupfii pfii, blaaa. Da habt ihrs, ihr ungeduldigen Menschen, sagt sie und geht weiter. 


Tante Idi


Sie kommt an einem Haus vorbei. Ein Mann streicht die Haustüre neu. In einem schönen gelben Farbton. Er steckt den Pinsel in die Farbdose, aber es ist keine Farbe mehr in der Dose. Was ist denn jetzt los, sagt er, hat sich die Farbe verflüchtigt? Und Aniflur geht schnell weiter in einem schönen gelben Kleid.

Wie ist denn das geschehen, denkt sie, aber der schöne gelbe Farbton gefällt mir. Die Farbe ist irgendwie schrill und laut. Sie tönt wie eine Fanfare: trii, trii, trrrii, sor sor. Wie ein Trompetenstoss. Oder ein Trommelwirbel, oder ein Vogelgezwitscher. 

Schon komisch, dass Farben tönen! Ich frage mich, ob Töne farbig sind. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie farbig klingen: gelb gälb gigelb gigälb gägägägeligell.

Man könnte nach Noten malen und nach Farben singen. Und sie steht hin und singt ein schönes gelbes Lied: gelb gälb gigelb gigälb gägägägeligell.