Nachrichten vom Gerbeweg



Ich wohne im Gerbeweg und ab und zu haben wir hier einen Riesenkrach. Nicht zwischen den Nachbarn, nein das nicht, aber nicht weit entfernt ist das Breitfeld und dort wird geschossen mit Panzerfäusten und Sturmgewehr.

Und das stört die Idylle. Und unseren Hund.

Er sieht den Sinn nicht ein, ist eben kein Mensch, was soll man machen. Wir haben schon versucht, es ihm zu erklären, aber wie Hunde eben sind, er hat seinen eigenen Kopf und in dem haben Wörter wie Landesverteidigung und Wehrhaftigkeit keinen Platz. Weil es abstrakte Wörter sind, nehme ich an. 

Ausgerechnet er will nichts von Landesverteidigung wissen, er, der nichts anderes macht, als sein Territorium zu markieren und zu verteidigen. Ist das nicht schizophren? Aber so ist unser Hund, einmal Pazifist, dann wieder nicht, ist ja auch nur ein Hund, das muss man akzeptieren. So wie man auch den Pazifischen Ozean akzeptiert. Der ist auch nicht immer so friedlich wie sein Name sagt. Braucht man nur seine Tornados zu fragen. Oder sind es Hurrikans? Auf jeden Fall Stürme: 

 

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen 

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. 

 

Heisst es im Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis, dessen persönliches Weltende ein Massenvernichtungslager in Polen war.

Das Gedicht wurde ein paar Jahre vor dem ersten Weltkrieg geschrieben, und dementsprechend kann man es lesen. Aber wenn man es heute liest, denkt man natürlich noch an anderes, an die Klimaveränderung zum Beispiel:

 

 An den Küsten – liest man – steigt die Flut.  

 

Sogar vom Sars-CoV-2 ist die Rede:

 

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

 

Gut, das ist jetzt ein bisschen forciert, aber wenn wir schon dabei sind, das Gedicht aus unserer Sicht zu lesen, es spricht auch über Youtube, Twitter, Instagram und Facebook (in Corona-Zeiten), wo die Sprache und die Wahrheit auch dabei ist, zu zersplittern, so wie die Sprache des Gedichts zersplittert ist:

 

In allen Lüften hallt es wie Geschrei. 



Man könnte noch viel hineininterpretieren in das Gedicht, man könnte auch an die apokalyptische Sprache im amerikanischen Wahlkampf denken, aber ich bin vom Weg abgekommen. Vom Gerbeweg.

Ich wollte eigentlich nur sagen, dass es im Gerbeweg ruhig ist, wenn nicht gerade in der Nähe geschossen wird. Mehr wollte ich eigentlich nicht sagen, aber dann ist eins zum anderen gekommen, Krieg und Pazifik, Klimaveränderung und Pandemie und amerikanischer Wahlkampf: Alles vom Gerbeweg aus, der ja nur etwa 150 Meter lang ist und nicht das Zentrum der Welt, auch nicht der Schweiz, nicht einmal der Stadt, alle Achtung!